Mai 2014

Der Erste Weltkrieg in Simbach am Inn

Überall wird in diesem Jahr 2014 in Wort und Bild an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert. Zu diesem Anlass will ich nun auch hier einen kurzen Blick zurückwerfen und dieser dunklen Zeit gedenken:

Wie überall im Deutschen Reich hatte man nach den diversen Krisen und Unruhen, dem zunehmenden Misstrauen zwischen den Nationen, auch in Simbach schon seit Längerem gespürt, dass etwas passieren würde, dass sich der aufgestaute Druck irgendwann entladen müsse. Doch dann kam doch alles überraschend.

Am 28. Juni 1914, als in Sarajevo ein serbischer Nationalist den habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand erschoss – und damit letztlich den Ersten Weltkrieg auslöste – feierte man in Simbach in einem fröhlichen Festakt mit befreundeten Veteranen und Reservisten noch ahnungslos das 40-jährige Bestehen des Kriegervereins II. Die anwesenden Gäste wussten da noch nicht, dass schon sehr bald das große Schlachten wieder beginnen würde.

Wie allgemein bekannt, spitzte sich die Situation sehr schnell zu und Deutschland bestärkte seinen Verbündeten Österreich, die Lage eskalieren zu lassen. Am 29. Juli erklärte Österreich Serbien den Krieg, und nachdem Russland daraufhin die Mobilmachung einleitete, brachen schließlich alle Dämme, als das Deutsche Reich am 1. August 1914 Russland den Krieg erklärte. Denn dies zog nun auch England und Frankreich in die Auseinandersetzung hinein.

Durch seine unmittelbare Grenzlage zum österreich-ungarischen Habsburgerreich löste dieser Krieg in Simbach sicher ganz besondere Emotionen aus, weil man seinen Verbündeten auf der anderen Seite des Inn sozusagen persönlich kannte und sich ganz direkt mit ihm solidarisieren konnte und wollte. Schon am 28. Juli etwa ließen viele Simbacher bei ihren Braunauer Nachbarn am Kaiserdenkmal auf dem Stadtplatz den österreichischen Monarchen demonstrativ hoch leben.

Wie an so vielen anderen Orten auch war die Kriegsbegeisterung groß und die Kriegserklärung wurde mit patriotischen Ovationen aufgenommen. Kurz darauf begleiteten die Simbacher ihre Ehemänner und Söhne mit Blumen geschmückt zum Bahnhof, wo die Züge warteten, die sie an die Front brachten. Aber das war nur die eine Seite. Vielen war durchaus bewusst, dass sie Schreckliches erwartete. So heißt es etwa in der Klosterchronik des Hauses Mariental: Durch Tage hindurch sahen wir, wie die Männer Simbachs und der Umgebung auf dem Festplatz zusammenströmten, still und ernst, um vielleicht die Heimat für immer zu verlassen. Weinend sahen wir die traurigen Abschiedsszenen mit an.

Im hinteren Teil des Gebäudes im Vordergrund, in dem sich Volksschule und Kloster Mariental befanden, war das Simbacher Lazarett eingerichtet

Im hinteren Teil des Gebäudes im Vordergrund, in dem sich Volksschule und Kloster Mariental befanden, war das Simbacher Lazarett eingerichtet

In Simbach selbst ging man nun schnell daran, ein Lazarett für im Krieg verwundete Soldaten einzurichten. Lag man selbst auch nicht in Frontnähe, so war durch die Eisenbahn doch eine gute Anbindung für die Verletztentransporte gegeben. Es entstand schließlich ein Reservelazarett für Leichtverwundete, dessen Leitung der Bürgermeister und Sanitätsrat Dr. Franz Eisenreiter übernahm. Nach einem Aufruf des Frauenvereins vom Roten Kreuz und des Männerhilfsvereins erklärten sich etliche Simbacher bereit, Betten oder Räumlichkeiten für die Einrichtung eines Lazaretts zur Verfügung zu stellen. So machte etwa Pfarrer Hölzl sechs Zimmer in seinem Pfarrhof frei. Vor allem aber erklärten sich die Schwestern des Klosters Mariental am Kirchenplatz bereit, den gesamten westlichen Teil ihres Gebäudes samt Refektorium und Schlafsaal zur Verfügung zu stellen. Die Schwestern kümmerten sich – neben den freiwilligen Rot-Kreuz-Schwestern – in der Folge auch um die Pflege der Verwundeten. Gleichzeitig erhielten sie den Unterricht in der zum Teil umfunktionierten Volksschule aufrecht.

Die Begeisterung für den Krieg ließ nach den ersten Erfolgsmeldungen auch in Simbach schnell nach, als klar wurde, dass ein schneller Sieg und damit ein baldiges Kriegsende nicht zu erwarten war. Als außerdem immer mehr Todesnachrichten von gefallenen Verwandten und Freunden eintrafen, machte sich zunehmend Resignation und Enttäuschung breit. Nicht nur die Todesmeldungen – insgesamt kamen im Ersten Weltkrieg 86 Simbacher um, denen 1923 ein eigenes Kriegerdenkmal am Kirchenplatz gewidmet wurde – auch die Versorgungslage beeinträchtige das Leben der Simbacher. Ab 1915 wurden Lebensmittel rationiert, es wurde immer schwerer, sich mit dem nötigsten zu versorgen. Auch das Geld wurde infolge der Einziehung von Hartgeld immer knapper, so dass die Gemeinde begann, als Ersatzzahlungsmittel Notgeldscheine auszugeben. Im Juli 1917 musste die Simbacher Pfarrkirche zwei Glocken abgeben. Die 46 Zentner Metall brauchte man für Kriegszwecke – Kanonen waren nun wichtiger als Glockenklang…

Das Reservelazarett Simbach Ende 1914 – in weiß gekleidet die freiwilligen Rot-Kreuz-Schwestern

In die immer größer werdende Kriegsmüdigkeit, in die zunehmend schlechte Situation der deutschen und österreichischen Armeen hinein, wollten die Verantwortlichen der Grenzgemeinden Simbach und Braunau noch einmal ein deutliches Zeichen der Verbundenheit setzen. So entstand im Jahr 1916 ein von dem österreichischen Bildhauer Anton Gerhart geschaffenes Treubund-Denkmal – ein 3 Meter hohes und 3,40 Meter breites Holzdoppelrelief, das am 4. Oktober an der Grenze der beiden Gemeinden in der Mitte der Innbrücke angebracht wurde. Das Relief zeigte auf seiner zur Fahrbahn ausgerichteten Vorderseite einen deutschen und einen österreichischen Soldaten mit siegesgewissem Blick, die einander einen Lorbeerkranz überreichen. Beiden war ihr jeweiliges Landeswappen beigegeben. Im Hintergrund sah man ein übergroßes Schwert mit den Jahreszahlen 1914 und 1916. Betitelt war das Werk mit dem Motto Mit vereinter Kraft. Auf der zum Gehweg gekehrten Rückseite des Reliefs stand der Satz Dieses Denkmal sei ein Monument der Treu, die keine Grenzen kennt, der begleitet wurde von den Wappen von Simbach und Braunau.

Das Treubund-Denkmal auf der Innbrücke

Als schließlich der Erste Weltkrieg 1918 mit der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns endete, war auch Simbach von Hunger und Resignation gezeichnet. Auch hier kam es, wie in vielen Teilen Deutschlands, zu kurzen revolutionären Ausbrüchen, die sich jedoch schnell wieder beruhigten. Es dauerte aber lange Zeit, bis die Einwohner wieder zur Normalität zurückkehren konnten. Als Zeichen für das Ende einer Epoche wurden kurz nach Kriegsende sowohl das Treubund-Denkmal als auch die Kaiserbüste am Braunauer Stadtplatz abgebaut. (jk)

 

Literatur
Hiereth; Vierlinger: Die Geschichte der Stadt Simbach am Inn, S. 197-203.
Sigl: Geschichte der Schule der Englischen Fräulein in Simbach am Inn.
Dieser Beitrag wurde unter Geschichten aktuell veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.