Dezember 2009

Die Knaben-Oberschule Haus Mariental

Frontansicht der Knaben-Oberschule Haus Mariental

Frontansicht der Knaben-Oberschule Haus Mariental

Schon seit 1909 gab es in Simbach mit dem Institut Marienhöhe eine weiterführende Schule für Mädchen. Als auch für die Knaben der Umgebung der Bedarf dafür größer wurde, erklärten sich die Englischen Fräulein der Marienhöhe bereit, diesen Privatunterricht zu erteilen. Nachdem sich aber die Zahl der Jungen, die sich auf Gymnasium oder Realschule vorbereiten wollten, im Jahr 1916 mehr als verdreifacht hatte, musste man über eine andere Lösung nachdenken.

Von Gemeinde- und staatlicher Seite war in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg und in der Inflation kein Engagement zu erwarten. Daher war es der Orden der Englischen Fräulein selbst, der auch diesen zweiten großen Schulbau in Simbach realisierte. Am 4. Mai 1925 erfolgte der Spatenstich am Kirchenplatz an der südlichen Seite der Kirche, direkt neben dem zwei Jahre zuvor errichteten Kriegerdenkmal.

Das Institut Mariental um das Jahr 1929, kurz nach seiner Erbauung

Vorderansicht des Knaben-Instituts

Schon sieben Monate später war der Bau abgeschlossen. Das mächtige, repräsentative Gebäude nahm den kompletten verbleibenden Platz an der Westseite des Kirchenplatzes ein. Drei Stockwerke hoch, verfügte es über eine breite, zum Kirchenplatz blickende Fassade, an beiden Seiten abgeschlossen durch sich nach rückwärts erstreckende Flügel, von denen der nördlichere als eigener, etwas niedrigerer Anbau ausgeführt war. Zwischen den Fenstern des zweiten und dritten Stockwerkes befanden sich diverse antikisierende Abbildungen, die den würdevollen Eindruck des Hauses noch vergrößerten. Auf der Rückseite war das Gebäude schlichter gehalten. Dort zog sich lediglich im zweiten Stock ein Balkon über den kompletten zentralen Gebäudeteil.

Schon bald darauf, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, bekamen die beiden Simbacher Institute jedoch Probleme. Da es sich bei ihnen um Klosterschulen handelte, hatten sie in der antireligiösen Propagande des Dritten Reichs einen schweren Stand und mussten schließlich sogar geschlossen werden. Im Haus Mariental konnte der Unterricht noch bis 1941 stattfinden. Dann allerdings wurde dort zunächst ein Umsiedlerlager für Ostflüchtlinge und Anfang 1943 schließlich ein Reservelazarett der Wehrmacht eingerichtet. In den letzten Kriegstagen, im April 1945, wurde es noch einmal umgewandelt zum Kriegslazarett 2/601.

Ansicht des Kirchenplatzes mit Knabeninstitut Mariental und Kirche

Ansicht des Kirchenplatzes mit Knabeninstitut Mariental und Kirche

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Funktion des Gebäudes in ziviler Form beibehalten und bis zur Eröffnung des Kreiskrankenhauses 1966 als Krankenhaus genutzt. In der Folge kaufte die Stadt das Gebäude an und nutzte es wiederum als Schule: bis zur Fertigstellung der neuen Schulgebäude in Obersimbach im Jahr 1978 war dort die Grund- und Sonderschule untergebracht.

Mit diesem Datum hatte das prachtvolle Gebäude am Kirchenplatz jeglichen unmittelbaren Zweck verloren. Leider traf diese Situation mit einem Simbacher Stadtrat, geführt von Bürgermeister Hans Murauer, zusammen, dem es in schmerzlicher Weise an Traditionsbewusstsein und – wenn man sich das Wittelsbacher Haus ansieht, muss man es leider so sagen: – ästhetischem Empfinden mangelte. Mit dem Ziel, Simbach eine neue, belebte Mitte zu geben, wurde, an den Bürgern vorbei, die zum großen Teil gegen einen solch radikalen Schritt waren, der Abriss des Stadtbild prägenden Hauses Mariental beschlossen und das Gebäude zwischen 17. und 20. Dezember 1979 niedergelegt. Es musste dem heute noch dort – und zum Großteil völlig leer – stehenden Wittelsbacher Haus weichen. Rudolf Vierlinger formulierte es in dem Buch Erinnerungen an Alt-Simbach 1994 treffend so: Ein echtes, liebgewordenes Stück Alt-Simbach ist mit diesem Haus verlorengegangen.  (jk)

 

Literatur
Hiereth; Vierlinger: Die Geschichte der Stadt Simbach am Inn, S. 208 f.
Vierlinger: Unser Simbach, S. 176.
Geiring: Simbacher Kirchenplatz veränderte vor 30 Jahren Gesicht.
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